Buchtipps

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Jonathan Littell: Tschetschenien im Jahre III

Berliner Taschenbuch Verlag, 10 Euro, erschienen im November 2009

Jonathan Litell war schon in den beiden Kriegen 1996 und 1999 für eine Menschenrechtsorganisation in Tschetschenien tätig. 
Seitdem gilt er als gut informierter und scharfsinniger Kenner des Landes. Im Frühjahr 2009 hat er erneut die Region bereist – entstanden 
ist eine ebenso beeindruckende wie beängstigende Reportage über die Entwicklung, die das Land seit Kriegsende und dem 
Regierungsantritt Ramsan Kadyrows im Jahre 2007 genommen hat.

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Juan Goytisolo: Landschaften eines Krieges: Tschetschenien
Edition Suhrkamp, 1996, Neue Folge Band 768

Es ist eine Art Kriegsberichterstattung, die Goytisolo unternimmt. Er beschreibt die Situation in Tschetschenien von 1996, den ersten Tschetschenienkrieg, als die russische Föderation noch von Boris Jelzin regiert wurde. Goytisolo schreibt engagiert, hat Grozny, aber auch tschetschenische Dörfer besucht, mit Führern des tschetschenischen Aufstands gesprochen und stellt den Konflikt in den historischen und aktuellen Kontext russischer Politik.

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Alexandra Cavelius: Die Zeit der Wölfe. Eine tschetschenische Familie erzählt.

Ullstein-Verlag, Berlin 2002, ISBN 2-89834-049-X, 22,- Euro

Die Journalistin Alexandra Cavelius lässt eine tschetschenische Mutter und ihre drei Kinder zu Wort kommen, die nach Deutschland geflüchtet sind. Aus vier verschiedenen Perspektiven beleuchten die Erzählungen das Leben in Tschetschenien, den Krieg, aber auch die Flucht nach Deutschland und die Situation der Familie im Asylverfahren.
Die Mutter hat 1995 in Grozny in Notwehr drei Russen und einen tschetschenischen Kollaborateur erschossen, war danach zuerst zu den Rebellen in den Wald geflüchtet und hatte sich schließlich nach Deutschland durchgeschlagen.
Als sie im Oktober 2002, seit 1999 als Asylsuchende anerkannt, während des Geiseldramas im Moskauer Musical-Theater dem Fernsehsender ntv ein Interview gab, in dem sie sich zur Tat bekannte, verlangten die russischen Behörden empört ihre Auslieferung. Bundeskanzler Schröder sah sich genötigt, den Fall durch die Staatsanwaltschaft Karlsruhe prüfen zu lassen
(vgl. Spiegel Nr. 50, 2002:38-39).

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Irena Brezna: Die Wölfinnen von Sernowodsk – Reportagen aus Tschetschenien
Quell-Verlag. Zu bestellen auch beim IK Forum (Restauflage), 10,- Euro, davon 1,50 Spende für Tschetschenien.

“Berichten Sie tatsächlich in Ihrem Land über uns?“ fragten aufgebrachte Frauen aus Sernowodsk die Reporterin. “Wie ist es dann möglich, dass die Welt zuschaut, wie wir ausgerottet werden?“
Sie umkreisten mich, alt, jung, weinend, sie schauten mir in die Augen und bitten mich:
“Sie sind doch auch eine Mutter. Gibt es denn in Ihrem Land keine Frauen, die mit uns mitfühlen?“
Irena Brezna hat mit den Menschen in Tschetschenien gelebt, besonders mit den Frauen. Gemeinsam mit ihnen geht sie über die Minenfelder, setzt sich dem Krieg unmittelbar aus. Diesen Frauen aus Sernowodsk und anderen tschetschenischen Dörfern gehört ihr ganzer Respekt, denn diese Frauen sind durch den Krieg stark geworden. Sie wollen überleben in der Hoffnung auf eine Zukunft für sich und ihre Kinder.

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Irena Brezna: Die Sammlerin der Seelen – Unterwegs in meinem Europa

Aufbau-Verlag, 2003, 16,- Euro

Irena Brezna, selbst mit 18 Jahren aus der Slowakei emigriert, gibt Menschen eine Stimme, die entwurzelt sind, sich an Traditionen klammern oder mit ihnen brechen, ihr Leben meistern oder darum bangen müssen. Im Porträt einer Tschetschenien, die den Westen aufrütteln will, in den Reportagen über eine polnische Goralenhochzeit, über Bauern und Nonnen aus Siebenbürgen oder Moldawien oder über Flüchtlinge aus dem Kosovo, in grotesken Skizzen und Tagebuchnotizen variiert sie ihr Grundthema Heimat und Fremde.
Irena Brezna erzählt in ihren Reportagen von tschetschenischen Frauen, die vor den Augen ihrer Männer vergewaltigt wurden, die daraufhin vor den Augen ihrer Frauen an russische Panzer gehängt und zu Tode geschleift wurden; von Vertriebenen, Flüchtlingen, Heimatlosen, von Asylanten, die wie Verbrecher gehalten werden. Sie scheut nicht den genauen Blick auf die rohe Gewalt, die Grausamkeit, das Leid…
Aber diese schmerzhafte Genauigkeit macht Breznas Kunst der Reportage noch nicht aus.
Das Besondere ist vielmehr, dass hier keine Chronistin des Elends spricht, sondern eine Emphatikerin der Freundschaft. Wo immer sie sich umgesehen hat ist sie auf merkwürdige, großmütige, beeindruckende Leute gestoßen. Es sind Leute, die nicht nur unterdrückt werden, sondern auf ihre eigene und ganz verschiedene Weise auch Widerstand leisten, nicht nur in bitterer Armut leben, sondern auch einen Reichtum an unverwechselbaren Sitten und menschlichen Beziehungen hüten.
Irena Brezna ist keine Romantikerin der fröhlichen Armut und der gesellschaftlichen Rückständigkeit. Weil sie den Verheißungen eines bloß technisch oder ökonomisch gedachten Fortschritts misstraut, ist sie jedoch in der Lage, mit wachem Auge Schönheit, Würde, Glück dort wahrzunehmen, wo der müde Blick des Konsumeuropäers nichts als Mangel und Defizit zu erkennen glaubt.

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Karl-Grobe-Hagel: Tschetschenien – Russlands langer Krieg
ISP-Verlag, Karlsruhe, 2001

Das Kleine, nur eine Million Menschen große Volk der Tschetschenen kämpft seit 300 Jahren um seine Unabhängigkeit. Es kämpfte gegen die Armeen der russischen Zaren, gegen die Weißen Armeen und gegen die Zwangskollektivierung unter Stalin. Nach dem Zerfall der Sowjetunion erklärte seine Führung Tschetschenien für unabhängig. Die Kriminalisierung der Tschetschenen, die durch den Krieg verschärfte Manipulation der Massenmedien und die in diesem Zusammenhang wachsende Rolle der Militärs und der Geheimdienste gefährden die Ansätze zu einer demokratischen, zivilen Gesellschaft in Rußland und fördern die Tendenzen zum starken Staat.
Es geht auch um wirtschaftliche Interessen, um Erdölpolitik. Durch die Region verläuft die älteste und wichtigste Pipeline von den reichen Ölfeldern um Baku zum Mittelmeer. Wer Tschetschenien beherrscht, übt eine gewisse Kontrolle über den Öltransport aus.

Karl-Grobe-Hagel, seit Jahrzehnten Fachmann für Russland-Fragen, entwirrt den Informationsdschungel, deckt Zusammenhänge auf und liefert Hintergrundinformationen, die eine differenzierte Beurteilung des Tschetschenien-Krieges ermöglichen.

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Anna Politkovskaja: Tschetschenien – die Wahrheit über den Krieg
DuMont-Verlag, 2003. 16,90 Euro

Putins autoritäres Reich fürchtet die Wahrheit, die Anna Politkovskajas Buch “Tschetschenien – Die Wahrheit über den Krieg“ enthüllt. Dieses Buch berichtet vom Schicksal der Menschen in Tschetschenien, von den Opfern des Kriegs. Es ist ein einziges „J`accuse“. Anna Politkovskaja
klärt auf über das kaum beschreibbare Leid der tschetschenischen Bevölkerung. In drei Teilen beschreibt dieses Buch den Krieg: Anna Politkovskaja berichtet vom Leben der Tschetschenen
im Krieg, den Übergriffen auf die Zivilbevölkerung, von einem Alltag, in dem Folter, Hinrichtungen, Plünderungen und Entführungen an der Tagesordnung sind. Sie analysiert, welche Auswirkungen dieser Krieg auf das Leben in Russland selbst hat, wie ein Rassismus gegen alles Nicht-Russische zunimmt. Und schließlich beschreibt sie die Interessen der neuen „Generalsoligarchen“, die an der Fortführung dieses Krieges, dem illegalen Handel mit Erdöl und Waffen verdienen. 

„Der Krieg, der offiziell eine „antiterroristische Maßnahme“ genannt wird, dauert an. Und die Geiselnahme im Moskauer Musical-Theater zeigte, dass das verdrängte Geschehen im Kaukasus sich noch mit erschreckenden Folgen ins Bewusstsein rücken kann. Die Chronistin dieses Unglücks – für Tschetschenien und Russland – ist Anna Politkovskaja.“
(Dirk Sager, Moskauer ZDF-Korrespondent).

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Florian Hassel: Der Krieg im Schatten – Russland und Tschetschenien

Suhrkamp-Verlag, 2003, 11,- Euro

Was geschieht in Tschetschenien, einer Region von der Größe Thüringens? Warum gelingt es nicht, den Konflikt zwischen Russland und der Kaukasusrepublik bei zu legen? Die fortdauernde Gewalt zerstört nicht nur die Lebensgrundlagen einer ganzen Bevölkerung, sondern bedroht auch die junge Demokratie Russlands. „Der Krieg im Schatten“ ist ein unentbehrliches Kompendium für jeden, der die politischen und historischen, juristischen und kulturellen Aspekte des Konflikts besser verstehen möchte. Florian Hassel, 1964 geboren, ist Russland-Korrespondent der Frankfurter Rundschau und berichtet seit 1999 unzensiert aus Tschetschenien.

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Apti Bisultanov: Schatten eines Blitzes -  Gedichte aus Tschetschenien 1982-2004
KITAB-Verlag, 2004, 18,- Euro, Deutsch / Tschetschenisch

Apti Bisultanov wurde 1959 in Goitschu, Tschetschenien, geboren. Wie fast alle Tschetschenen wuchs er zweisprachig auf, mit der offiziell verbotenen Volkssprache und dem Russischen.
1986 erschien sein erster Gedichtband “Noch-ze-tschö“ (Pflug-Feuer-Haus). Der Titel assoziiert das Wort “Nochtschitschö“ (Land der Tschetschenen). 1988 folgt der Band “Zcha Illi“ (Das Lied), 1991 “Tkesan Indare“ (Schatten eines Blitzes). Er enthält u.a. das Poem “Was in Chaibach geschah“, welches den Opfern der stalinistischen Deportation im Februar 1944 gewidmet ist.
Es beschreibt den Bewusstseinswandel des tschetschenischen Volkes angesichts der Erlebnisse der Deportation, die wie ein Blitz in die sowjet-tschetschenische Gesellschaft einschlug und bei der ein Drittel aller Tschetschenen umkam.
Bisultanov ist ein moderner Dichter, der alttschetschenische Traditionen mit Stilmitteln der Moderne verbindet. Seine dichterische Sprache ist kunstvoll und enthält eine Fülle von Reimen, Querreimen und Klangassoziationen vom schwerem Rhythmus des tschetschenischen Heldenliedes bis zum vers libre. Viele Gedichte Bisultanovs wurden vertont und leben als Lieder im tschetschenischen Volk. Er unterstützte von Anbeginn die Unabhängigkeitsbewegung und wünscht sich mit großer Leidenschaft ein freies Tschetschenien. 1999 wurde er zum Vize-Premier für Soziales ernannt.
Am 1. Februar 1999 floh er in die Berge. Sein Heimatdorf wurde durch Angriffe der russischen Artillerie vollständig zerstört, Verwandte, Nachbarn und Freunde kamen um.