Brief einer tschetschenischen Flüchtlingsfamilie aus dem Lager Bramsche

Der nachfolgende Brief einer tschetschenischen Flüchtlingsfamilie aus dem Lager Bramsche wurde vom “EXIL e.V. – Osnabrücker Zentrum für Flüchtlinge” übersetzt und dem niedersächsischen Flüchtlingsrat zur weiteren Verbreitung und Unterstützung zugesandt. Der Exil e.V. schreibt dazu:

“… Das Schicksal der tschetschenischen Flüchtlinge belegt anschaulich, dass ein derartiges Lager nicht geeignet ist, die physische und psychische Gesundheit der Flüchtlinge, die durch die Situation in ihrer Heimat oftmals traumatisiert sind, zu gewährleisten. Leider stehen wir hier vor Ort vor verlorenem Posten und können die Flüchtlinge nur unzureichend unterstützen. Vielleicht können Sie sich ergänzend für die
tschetschenischen Flüchtlingsfamilien verwenden.”

Es spricht Bände, dass das Land ausgerechnet tschetschenische Flüchtlinge in einem Lager unterbringen lässt, das dem erklärten Zweck dienen soll, Flüchtlinge mit angeblich geringen Asylchancen möglichst zu isolieren, von der Aussichtslosigkeit ihres Vorhabens zu überzeugen und zur “freiwilligen Rückkehr” zu überreden.

Der Brief der tschetschenischen Familien hat folgenden Wortlaut:

“Bramsche, 13.05.2004

Die tschetschenischen Familien In der Landesaufnahmestelle Bramsche

An den Dienststellenleiter der LASt Bramsche und die Ausländerbehörde

Sehr geehrte Damen und Herren !

Wir sind politische Flüchtlinge aus Tschetschenien und befinden uns zur Zeit in den Landesaufnahmestelle Bramsche. Wir wenden uns an alle Institutionen, Behörden und an die ganze Bevölkerung dieses Landes mit der Bitte, uns in unserer schwierigen Lage zu helfen.

Seit 1995 befindet sich Tschetschenien im Kriegszustand. Jeder Quadratmeter unseres Landes ist mit Blut unseres Volkes übergossen. Unsere Häuser, Schulen, Fabriken und Kindergärten sind zerstört. Die Häuser in den Dörfern und Städten sind nicht bewohnbar, so dass noch sehr lange jedes zerstörte Haus unserer Mütter und Ehefrauen daran erinnert, dass gerade an dieser Stelle ihre Söhne, Brüder, Ehemänner oder Väter erschossen bzw. zerfetzt wurden.

Alle Tschetschenen vereint heute die eine Sorge und Frage: Wo gibt es ein Stück Land, auf dem man leben und die Kinder großziehen kann, ohne daran zu denken, dass dein Haus jede Minute zerstört werden kann oder das Militär das Familienoberhaupt verhaftet und dem Rest der Familie Gewalt antun wird, ohne dafür Verantwortung zu übernehmen.

Die Regierung Deutschlands hat in ihrer Deklaration Hilfe versprochen, und wir haben deshalb unsere zerstörten Häuser stehen gelassen und alle Mittel, die uns zur Verfügung standen, genutzt, um das Land zu verlassen in der Hoffnung, hier Ruhe und Hilfe zu bekommen. Wir glaubten, dass das deutsche Volk die Schrecken des 2. Weltkrieges selbst miterlebt und somit Verständnis für die Menschen hat, die seit 9 Jahren den Krieg
miterleben.

Nicht selten waren wir Zeugen grausamer Taten des Militärs gegenüber den Frauen, Schwestern und Kindern. Unsere Erinnerungen heute an die zerstörten Dörfer und Städte und die Grausamkeiten des Krieges machen uns psychisch und seelisch krank. Wir sind nach Deutschland gekommen, hofften auf Verständnis und Hilfe. Stattdessen stellt sich unsere Situation wie folgt dar:

Seit längerer Zeit leben tschetschenische Familien in Gemeinschaftsunterkünften, wo keine Aussicht auf Besserung der Situation besteht. Bei vielen Familien mit Kindern müssen Mädchen, Jungen und Eltern in einem Zimmer leben. Menschen, die das Kriegsgebiet verlassen haben, brauchen viel Ruhe und Verständnis. Längere Aufenthalt im Lager, das mit Stacheldraht eingezäunt ist, erinnert uns an ein Gefängnis. Die
ganze Atmosphäre führt öfters zu nervlichen Ausbrüchen, die wir nicht kontrollieren können. Das Essen in der Einrichtung ist armselig und wiederholt sich Tag für Tag, was auch zu Ausrastung führt.

Deswegen bitten wir, die politischen Flüchtlinge aus Tschetschenien, diejenigen, die Verantwortung für unser Schicksal haben, mehr Verständnis für die Menschen aufzubringen, die seit neun Jahren in einer Republik lebten, in der Krieg herrscht.”