Eine Schule für Nochtschi-Keloi

Das Dorf Nochtschi-Keloi gehört zum Shatoi-Bezirk in Tschetschenien. Es liegt hoch in den Bergen, etwa 1.861 m über dem Meeresspiegel. Das meiste Land ist mit Wald bedeckt. Die am häufigsten anzutreffende Baumart ist die Buche.
Die Natur ist reich an Wild, Beeren und Früchten. Hier wachsen Nüsse, Zwetschgen, Birnen u.a. Doch große Teile der Wälder sind vermint. Die Gefahr, beim Sammeln von Obst oder Holz in den Wäldern auf Minen zu treten und dabei zu sterben oder verletzt zu werden, ist sehr groß. 
In Nochtschi-Keloi leben etwa 200 Menschen. Das Dorf liegt mitten im Hochgebirge. 
Die nächste Ortschaft ist das Dorf Dai, 7 km weit entfernt.

Im Verlauf des 2. Tschetschenien-Krieges wurde das Dorf sehr schwer beschädigt. Die neun Jahre alte Mittelschule wurde völlig zerstört. In diesem Dorf gibt es keine medizinische Versorgungsmöglichkeit, keinen Strom, kein Licht. Das Einkommen der Bewohner/innen ist sehr gering. Arbeit gibt es keine. Die Menschen leben hauptsächlich von der wenigen Land- und Viehwirtschaft. Die Wohnhäuser wurden von den Bewohner/innen aus eigener Initiative wieder aufgebaut, nachdem sie durch Bombardierungen zerstört wurden. 22 Personen aus dem Dorf sind Rentner/innen, 29 Kinder sind Halbwaisen.

Der größte Teil der erwachsenen Bewohner/innen bekommt eine kleine Arbeitslosenhilfe. Im Dorf leben vier Behinderte/Invaliden. Zehn weitere Personen sind schwer krank. Es gibt keine Versorgung mit Medikamenten.

Die jetzige „Schule“ wurde in einem Privathaus in Nochtschi-Keloi eingerichtet. Fachlehrer/innen gibt es keine. Die Lehrer/innen, die unterrichten, haben keinerlei Schulbücher oder technische Einrichtungsgegenstände. In die provisorische Schule gehen 50 Schüler und Schülerinnen. Der Unterricht wurde in zwei Schichten eingeteilt. Weil es keinen Strom gibt, ist während der Winterzeit die Unterrichtszeit verkürzt.

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November 2006

Eröffnung der Schule in Nochtschi-Kelo

Zur Eröffnungsfeier kamen alle Familien und Kinder vom Dorf, die Leiter der Administration, v.a. Wacha Subiev, mit dessen Hilfe es möglich war, äußerst kostengünstig zu arbeiten und der sich sehr für den Bau einsetzte. Zuletzt konnte auch noch von staatlichen Stellen das entsprechende Mobiliar mit Erfolg eingefordert werden.

Durch zahlreiche Einzelspenden und größere Spenden, v.a. von “Sternstunden e.V.” und der Gaststätte “Libretto-Bar” in München aber auch durch das große Engagement von Schülerhorten, den Einnahmen eines Basars im EineWeltHaus (ca. 1.000,- Euro) wurde die Fertigstellung letztendlich möglich.
Es kostete uns zu Beginn einigen Mut, das Projekt anzufangen – hatten wir doch nicht mal das Geld für die Fertigstellung eines soliden Fundaments zu Beginn des Unterfangens zusammen.

In einem Zeitungsartikel, der zu dem Bau der Schule in einer tschetschenischen Zeitung Mitte letzten Jahres erschien, bekam sie ihren Namen: Schule der Barmherzigkeit.
Dank unserer tschetschenischen Partnerorganisation “Frauenwürde”, die das Projekt umsetzte und vor Ort regelmäßig überprüfte, konnte auch den armen Bergbewohner/innen immer wieder vermittelt werden, von wem die Spenden kommen. Oft stieß das auf großes Erstaunen. 
Ein kleines Mädchen fragte einmal: “Warum machen sie das (die Einzelpersonen, Spender, Schülerhorte usw.)?” – und als man ihr das vermittelte, wurde auch wahrgenommen, dass es Menschen in Europa gibt, denen ihr Schicksal nicht gleichgültig ist.

Die Umsetzung dieses Schulprojekts entwickelte sich aus einer längeren Diskussion zum Thema „Friedenserziehung“ und wurde nun zum Teil eines praktischen Internationalismus.
Nach 15 Jahren hat dieses Dorf wieder eine Schule. Die alte Schule wurde schon zu Beginn des Krieges zerstört.
Natürlich ist diese Schule zum Gesprächsthema in der ganzen Region geworden und viele andere Dörfer kamen nun auch mit ihren Problemen von ihren Schulen, die in einem miserablen Zustand sind.
Nach wie vor ist die materielle Lage katastrophal, leben die Menschen in halb zerstörten Häusern – und die Wiederaufbauhilfen von Moskau – wenn sie überhaupt ankommen – sind weniger als in andere Gegenden von Russland investiert wird.
Noch lange werden die Menschen weiter auf Hilfe von Außen angewiesen sein, nicht zuletzt auf die moralische Unterstützung.
Der Krieg geht immer noch weiter. Auch in der Zeit der Eröffnungsfeierlichkeiten führte das Militär „Säuberungen“ durch, durchkämmten sie die Berggebiete und erschossen in den Tagen der Eröffnung einen 14-jährigen Jungen.
Wieder einmal hat man sich getäuscht im Opfer, und wieder einmal wird es zu keinem juristischen Nachspiel kommen. 
Wie damals in Nochtschi-Keloi, im Jahr 2001, als man unschuldige Bewohner/innen auf dem Weg ins Dorf umbrachte.
Wir hoffen, dass die Schule (die heute der einzige stabile Ziegelbau in der ganzen Region ist) noch vielen Kindern und Generationen dienen wird.

Eröffnung der Schule

Eröffnung der Schule

Rückblick

Was im Januar 2002 geschah

Im Dorf Dai und Nochtschi-Keloi außerhalb in der Umgebung geschah ein grausames Ereignis: An jenem Tag um 15 Uhr wurde eine Einheit des russischen Militärs dorthin geschickt. Es handelte sich Spezialeinheiten. Sie warteten in einem halb verfallenen Stall an dem einzigen Weg, den man in dieser Region befahren kann. Sie hatten den Befehl von oben, Fahrzeugkontrollen durchzuführen.
Am Nachmittag bewegte sich ein Jeep auf diesem Weg, der mit Bewohner/innen von Dai und Nochtschi-Keloi unterwegs war. Der Fahrer, Ch. Taburow, verdiente als Chauffeur sein Geld und versorgte damit eine große Familie. In seinem Auto fuhren außerdem der Schuldirektor 
S. Alschanow, sein Konrektor, A. Sokbaew, die Mitbewohner/innen des Dorfes und eine Mutter von sieben Kindern, S. Tschawatschanowa, die selbst behindert war. Außerdem war im Wagen ein weiterer Bewohner/innen von Starie Atagi, Sh. Musaew, der die Frau begleitete und ihr Gepäck trug.
Den wartenden stationierten Militäreinheiten wurde von der Kommandanturstelle nicht mitgeteilt, dass sich ein Jeep näherte.
Es gab keinerlei Anzeichen auf dem Weg, dass man anhalten solle. Der Truppen-kommandeur E. Ulman schoss daraufhin nicht auf die Reifen des Jeeps, sondern direkt in das Fahrzeug. Dieser Angriff endete mit der Erschießung der Insassen, obwohl die Militärs sahen, dass es sich um unbewaffnete Zivilisten handelte.
Die Spuren dieses Massakers sollten jedoch verwischt werden. Nachdem der Versuch, das Auto zur Explosion zu bringen, scheiterte, übergossen sie die Leichen mit Benzin und zündeten sie an. Was zusätzlich zu dieser Tragödie hinzukam war er Zustand der Toten, in dem ihre Angehörigen sie vorfanden. Die Verwandten konnten praktisch nur die Reste der Körper beerdigen.
Als Ergebnis dieses schrecklichen Ereignisses bleibt die Tatsache, dass 27 Kinder zu Halbwaisen wurden. Das älteste Kind war zu diesem Zeitpunkt 18 Jahre, das jüngste gerade mal 1 ½ Jahre alt.
In einem Prozess gegen die beteiligten Militärs im Frühjahr letzten Jahres kam es zu einem Freispruch vor Gericht. Sie hätten nur im Auftrag gehandelt, behaupteten die Schuldigen. Bis heute blieb dieses Verbrechen ungesühnt.

Im Herbst letzten Jahres gelang es uns, auf das Schicksal dieser Dörfer aufmerksam zu machen. Muslime Helfen e. V.“ aus München finanzierte im November 2004 den Kauf von Winterkleidung für die Schulkinder dieser Dörfer, außerdem wurde eine einmalige Lebensmittelhilfsaktion ebenfalls im November 2004 durchgeführt. Die Finanzierung des Kaufes von Schulmaterialien steht ebenfalls in Aussicht. Dies ist eine große Hilfe für die Dörfer; es war das erste Mal überhaupt, dass sie Hilfe von einer Organisation bekamen.

Mit Hilfe von Mitarbeitern von „Memorial“ und dem Frauenzentrum „Frauenwürde“ in Grozny gelang es uns, den Kontakt zu diesen Dörfern herzustellen. Alle Informationen bekamen wir von der Lehrerin Koka Taborowa, die selbst Angehörige bei dem Massaker verloren hat und über die Lage in den einzelnen Dörfern und Familien bestens Bescheid weiß.
Aus diesen Begegnungen entstand auch der Wunsch nach einer neuen Schule für Nochtschi-Keloi. Diesen Wunsch möchten wir umsetzen!

Die Kosten eines Neubaus sind nicht hoch. Da die Dorfbewohner/innen die Häuser mit selbstgemachten Ziegeln bauen, sind die Unkosten relativ gering. Wir rechnen mit etwa 2.500,- Euro für einen Rohbau. Im Frühjahr 2005 wollen wir damit anfangen.

Schulen sind die Zukunft der neuen Generation. Bauen wir eine Schule für Tschetschenien!