Frauenwürde

Das Zentrum für Frauen, die unter dem Krieg gelitten haben

Projektbeginn: November 2002

Das Frauenrehabilitationszentrum “Frauenwürde” kümmert sich um kriegstraumatisierte Frauen und Mädchen. Verschiedene Mitarbeiter geben ihnen Rat, Beistand und Hilfe in seelischen Krisen und medizinische Hilfe. Eine Juristin berät in Rechtsfragen. Mehrere tausend Frauen besuchten im Verlauf der letzten 3 Jahre das Zentrum. Viele nehmen die verschiedenen Angebot war. Es ist der einzige Platz, in dem Witwen und alleinstehende Frauen aus der Einsamkeit entfliehen können und dort Freizeitangebote und Fortbildungskurse wahrnehmen können.

Eine wesentliche Unterstützung in den letzten Jahren leistet der AK Tschetschenien mit dem laufenden Projekt: “Unterstützung des neuen Lebens”. Schwangere Frauen aus Grozny erhielten bei schwerer materieller Notlage und schlechtem gesundheitlichen Zustand (was fast bei 80 % der Frauen der Fall ist) ein kostenloses Hilfspaket mit wichtigen Vitaminen und einer Babyerstausstattung.

Maßgeblich durch die Unterstützung von Sternstunden e.V. und Einnahmen aus mehreren Bazaren gelang es uns, dieses Projekt zu einem Bestandteil der Arbeit und der Hilfsleistungen im Frauenzentrum zu machen. Mehr als hundert Schwangeren und ihren Babies konnte dadurch geholfen werden.

Frauenhaus in Grozny

Frauenhaus in Grozny

Ein Bericht von Laila Kurbanova, Leiterin des Frauenzentrums Frauenwürde

5. September 2003

Am 21. 2. 2002 wurde das Frauen-Rehabilitationszentrum Frauenwürde in Grozny eröffnet.

Die Idee für die Gründung dieses Frauenzentrums entsprang aus der schweren Situation und der andauernden Realität des Krieges, die auf die Schultern der Frauen unsagbare Lasten und Leiden gelegt hat. Viele Frauen sind in diesem Krieg selbst zum Ziel von Gewalt geworden und unter Beschuss geraten. Nicht selten wurden sie Opfer gewaltsamer Übergriffe und Vergewaltigungen. Viele verloren ihre nahen Angehörigen, ihre Kinder und Ehemänner. All diese Frauen leiden seitdem an seelischen Traumata und befinden sich jetzt in einem permanenten psychischen Stresszustand. Wir wissen, dass auf staatlicher Ebene keine Rehabilitationsmaßnahmen angeboten werden. Aus diesem Anlass hielten wir die Gründung eines Rehabilitationszentrums für notwendig und aktuell.

Der offene Begegnungstag ist gewöhnlich der Samstag. Die Besucherinnen kommen nicht nur aus Grozny, sondern auch aus den umliegenden Ortschaften und Dörfern. Die Mitarbeiterinnen organisieren für sie gemeinsame Teestunden – wozu Süßigkeiten bereitgestellt werden – und betreuen die dabei entstehenden Gesprächskreise. Das Zentrum wurde praktisch zum Kommunikationsort der Frauen. Das ist außerordentlich wichtig unter den derzeitigen Bedingungen in unserer Republik.

Die Bevölkerung in Tschetschenien befindet sich Tag und Nacht in einem permanenten Ausnahmezustand und unter Druck. Viele Menschen erlitten direkte physische und psychische Traumata. Solche Begegnungen im Frauenzentrum, all die Gespräche und Erzählungen erlauben unseren spezialisierten Psychologen, die Probleme unserer Besucher einzuordnen, um ihnen helfen zu können. Die Psychologin analysiert, welche Frauen eine solche Hilfe nötig haben und bildet mit ihnen Therapiegruppen. Mit diesen Frauen arbeitet die Psychologin an den Wochentagen.

Die Gruppen haben eine Größe von 8 bis 10 Frauen. Diejenigen, die eine Einzeltherapie benötigen, werden individuell betreut. In den letzten 6 Monaten erhielten mehr als 400 Frauen eine psychologische Betreuung. Dies zeugt von der Notwendigkeit unserer Arbeit und spricht für eine Fortsetzung und Erweiterung.

Spezialisten des Zentrums bringen außerdem die physischen Probleme der Frauen in Tschetschenien und verschleppte gynäkologische Krankheiten zum Vorschein. Die Betroffenen werden von der Gynäkologin des Zentrums betreut und behandelt. Außerdem kann man im Zentrum rechtlichen Beistand und Rat erhalten. Dies ist ein sehr wichtiger Teil der Arbeit, weil unter diesen Bedingungen, in denen die Gesetze nur wenig funktionieren und Beamtenwillkür an der Tagesordnung ist, Rechtsverletzungen leider oft geschehen. Hier ist ein großes Arbeitsfeld für unsere Juristin.

Zuerst erhalten die Frauen mündliche Ratschläge zur Konsultation. Zweitens bereitet die qualifizierte Juristin die schriftlichen Erklärungen und Klagen an die verantwortlichen staatlichen Organe vor. Die Verteidigung der Interessen der Frauen bringt die Juristin auf die Ebene der administrativen Organe und der Gerichte. So z.B. in Fällen, in denen Witwen durch den Tod oder das Verschwinden des Ehemannes, welcher die Familie ernährt hatte, keine Rente für die Kinder erhalten. Oft haben sie ihre Dokumente verloren oder es existiert kein Trauschein: ein typisches Beispiel dafür, wann Frauen keine finanzielle Hilfe, keine individuelle Hilfe erhalten können.

Eine schwierige Situation wie z.B. die Nichtnachweisbarkeit der ungesetzlichen Festnahme und des Verschwindens des Ehegatten, ungenügendes rechtliches Wissen und fehlende Mittel für die Bezahlung eines Rechtsanwalts macht es vielen Frauen unmöglich, sich ihre Rechte verschaffen zu können. Sogar eine einzelne Nachricht, einen Antrag an das Gericht zu stellen oder eine Klage zu formulieren kostet 100 -1.000 Rubel. (Anm.: 35 Rubel = 1 Euro). Für Tschetschenien ist das eine sehr große Summe, weil die meisten Menschen hier keinerlei Verdienstmöglichkeiten haben. Unsere Juristin gibt diese Ratschläge kostenlos. In der Zeit bis September 2003 hat das Zentrum juristische Ratschläge für mehr als 500 Frauen gegeben. 95 Anträge an die verschiedenen Organe mit stichhaltigen Problemfällen und Forderungen konnten positiv gelöst werden. In einigen Fällen konnten Frauen, denen mit von unserer Juristin erstellten Dokumenten geholfen wurde und von der sie vertreten wurden, Prozesse gewinnen.

Außer in diesen Bereichen realisiert unser Zentrum Projekte zur Schaffung von Arbeitsmöglichkeiten. Es wurden für junge Frauen Näh- und Handarbeitskurse eingerichtet. Gruppen von je 12 Kursteilnehmerinnen erhielten im Lauf von 3 Monaten diesen Unterricht. Wenn weitere Mittel für diese Bereiche zur Verfügung gestellt werden können, werden neue Kurse wie Sprachunterricht in Englisch und Computerkurse angeboten und unser Programm ausgeweitet. Vor kurzem konnte auch die medizinische Station eröffnet werden. In dieser Rehabilitationseinrichtung wird eine Ärztin und eine Krankenschwester nicht nur für Frauen, sondern auch für Kinder, insbesondere Invaliden, kostenlose medizinische Untersuchungen anbieten.

Das Zentrum arbeitet mit anderen humanitären Organisationen zusammen und unterstützt außerdem das Waisenhaus “Haus der Hoffnung”.

Im Frauenzentrum wurde vor kurzem eine Bibliothek errichtet. Die ersten Bestände brachten die Mitglieder der Organisation auf. Sie schenkten mehr als 2.000 Exemplare verschiedener belletristischer Literatur.

Im Jahr 2003 hat die Organisation “Frauenwürde” beim Wettbewerb des Instituts “offene Gesellschaft” teilgenommen. Das Projekt fand dort seine Unterstützung.

(Laila Kurbanova, Leiterin des Frauenzentrums “Frauenwürde”, 5. September 2003.
Übersetzung aus dem Russischen vom AK Tschetschenien im Interkulturellen Forum im EineWeltHaus in München, Schwanthalerstr. 80, 80336 München)

Frauenwürde mitten im Krieg

Interview von Katja Seefeldt mit Alexandra Schrödl  (21.03.2004)